(1) Die Idee des Liberalismus prägt seit Beginn des 18. Jahrhunderts zunehmend die europäische Geschichte: Die Idee einer freiheitlichen Gesellschaft, in der die Menschen in Freiheit und Verantwortung ihre Zukunft selbst gestalten und in der dem Staat keine absolute Macht und auch keine geistig-moralische Führung zukommt, sondern nur die Funktion eines loyalen Dieners bei der Erfüllung weniger Kernaufgaben.

(2) Die Idee des Liberalismus hat sich im 19. Jahrhundert gegen die Kräfte der Restauration, in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts in einem schmerzlichen Prozess gegen den Totalitarismus und in der zweiten Hälfe des 20. Jahrhunderts gegen den real existierenden Kommunismus durchgesetzt. Der Kampf gegen die Feinde der Freiheit hat viel Courage erfordert und zu viel Blutvergießen und Leid geführt. Wir fühlen uns all denen verpflichtet, die im Kampf für die Freiheit Leib und Leben eingesetzt und verloren haben.

(3) Die Idee des Liberalismus ist im deutschen Südwesten von Anfang an auf fruchtbaren Boden gefallen. Sie korrespondiert mit dem Lebensgefühl und dem besonderen Selbstbewusstsein der Badener und Württemberger und prägt in besonderem Maße die gesellschaftliche und wirtschaftliche Entwicklung in unserer Region. Viele Gedanken des Liberalismus sind im Denken und Fühlen der Menschen in Baden-Württemberg tief verwurzelt: Wir sprechen zu Recht vom Stammland der Liberalen.

(4) Mit dem Grundgesetz, seinem Bekenntnis zur Menschenwürde und den unveräußerlichen Menschenrechten, mit der Anerkennung der Grundrechte als Grenzen staatlicher Befugnisse und mit der Schaffung eines demokratischen Rechtsstaates sind die Grundzüge des Liberalismus zur verbindlichen Grundlage von Staat und Gesellschaft in Deutschland geworden. Sie werden in den Grundzügen von allen demokratischen Kräften in unserem Land geteilt und vom Bundesverfassungsgericht in eindrucksvoller Weise gegen politische Fehlentwicklungen verteidigt.

(5) Die freiheitliche Gesellschaft hat sich als eine Lebensform erwiesen, in der jeder Mensch nach seinen Vorstellungen und nach Maßgabe seiner Möglichkeiten sein Glück erstreben kann und in der für alle ein wirtschaftlicher Wohlstand möglich ist, von dem unsere Vorfahren noch vor wenigen Jahrzehnten kaum zu träumen wagten.

(6) Wir wollen, dass sich die Menschen in unserem Land auch im 21. Jahrhundert als freiheitliche Gesellschaft begreifen und die Früchte dieses erfolgreichen Gesellschaftsmodells genießen können. Deshalb werden wir gemeinsam mit den anderen demokratischen Kräften allen Feinden der Freiheit entschlossen entgegentreten, die zu totalitären Gesellschaftsmodellen zurück wollen und die Menschenwürde und Freiheit nicht als zentrale Werte achten.

(7) Wir wollen die freiheitliche Gesellschaft auch gegen jene politischen Rückschritte verteidigen, die den Menschen Stück für Stück ihre Freiheit nehmen und damit Lebensqualität und Wohlstand beschneiden. Wir wollen die Idee der Freiheit auch für jene Bereiche fruchtbar machen, in denen bei uns auch heute noch Staatsgläubigkeit und die Idee einer zentralen Verwaltungswirtschaft vorherrschen.

(8) Deshalb treten wir in einen offenen demokratischen Wettbewerb mit Konservativen und Sozialisten, die sich bei den politischen Weichenstellungen des Alltags nicht immer für die Freiheit, sondern immer häufiger für zentralistische und autoritäre Strukturen entscheiden. Für uns gilt: Die Idee der freiheitlichen Gesellschaft hat sich bewährt und soll auch in den kommenden Jahrzehnten Leitlinie und Grundlage unserer politischen Entwicklung sein.

(9) Die besondere Herausforderung, vor der unsere Gesellschaft am Beginn des 21.Jahrhunderts steht, ist die zunehmende Komplexität unserer Welt und die Geschwindigkeit, mit der sie sich verändert. Die Welt rückt immer enger zusammen, die Informationsmenge, mit der wir konfrontiert werden, wächst unaufhörlich. Als Reaktion darauf entstehen oft diffuse Ängste und der Ruf nach einfachen, gegebenenfalls auch autoritären Strukturen. Dieses Klima der Verunsicherung wird von unseren politischen Wettbewerbern genutzt, um in der Gesellschaft durch neue Gesetze und staatliche Eingriffe eigene Vorstellungen verbindlich zu machen.

(10) Wir Liberale setzen uns dafür ein, dieser Versuchung nicht zu erliegen. Wir wissen, dass Freiheit und Wohlstand mit einem hohen Maß an Komplexität und Veränderung einhergehen. Wir alle profitieren von einer ausdifferenzierten Wirtschaft und Gesellschaft und davon, dass wir keine primitive, einfach strukturierte Gesellschaft mehr sind. Unsere liberale Antwort auf zunehmende Komplexität, Veränderungen und wachsende Ängste sind Bildung, Wissenschaft und Kultur. Sie sind die Fundamente einer offenen, freiheitlichen Gesellschaft und sorgen dafür, dass wir die wachsende Komplexität nicht nur intellektuell und emotional bewältigen können, sondern der kommenden Entwicklung der Welt sogar ein Stück vorangehen.

(11) Wir setzen auch im 21. Jahrhundert auf eine moderne, freiheitliche Gesellschaft, die auf den technischen, wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Fortschritt vertraut. Dabei stützt sich unser Vertrauen vor allem auf sieben Säulen.