Fundament 1: Eine freiheitliche Gesellschaft braucht Bildung.
(81) Das Ziel von Bildung und Erziehung ist der mündige, selbstbewusste Mensch, der seine Freiheit zu gebrauchen weiß und Verantwortung gegenüber anderen Menschen und der Gesellschaft übernimmt. Bildung und Erziehung haben die Aufgabe, den Menschen Orientierung und Gewissheit in einer komplexen, sich verändernden Welt zu geben. Bildung und Erziehung tragen dem natürlichen Bedürfnis des Menschen Rechnung, sich diese Orientierung zu verschaffen. Sie umfasst nicht nur das Vertrautwerden mit den äußeren Gegebenheiten der Umwelt, sondern auch den selbstbewussten Umgang mit ethischen Werten und gesellschaftlichen Konventionen.
(82) Für die freiheitliche Gesellschaft sind Bildung und Erziehung ein Schlüsselprozess. Pädagogische Arbeit verdient die Wertschätzung der Gesellschaft und ihre nachhaltige Förderung.
(83) Jeder Mensch hat das Recht auf Bildung. Bildung muss für jeden Menschen ohne Hindernisse verfügbar sein. Das schließt nicht aus, dass die Gesellschaft im Sinne der Eigenverantwortung den einzelnen Bildungswilligen nach Maßgabe seiner Leistungsfähigkeit zu materiellen Beiträgen zur Verbesserung der Qualität und der Strukturen heranzieht. Im Falle sozialer Härte wird nach adäquaten Förder- und Beratungsmöglichkeiten gesucht.
(84) Erster und wichtigster Ort, an dem Bildung und Erziehung stattfinden (müssen), ist die Familie. Kinder haben ein Recht auf Bildung und Erziehung durch Eltern und Gesellschaft. Staat und Gesellschaft sollen die Eltern dabei unterstützen.
(85) Bildung und Erziehung sind in einer freiheitlichen Gesellschaft keine originär staatlichen Aufgaben. Die Organisation des Bildungsprozesses nach den Prinzipien staatlicher Zentralverwaltungswirtschaft hat wesentlich zu den Defiziten beigetragen, die wir immer wieder feststellen müssen. Die staatliche Schule wird ihre monopolartige Stellung in den kommenden Jahrzehnten aufgeben und sich einem Wettbewerb mit privat oder gesellschaftlich organisierten Bildungseinrichtungen öffnen müssen. Bildung und Erziehung der Kinder sind Teil der Verantwortung der ganzen Gesellschaft, vor allem aber ihrer Eltern.
(86) Aufgabe des Staates ist es, sicherzustellen, dass Einrichtungen und Ressourcen für lebenslange Bildung zur Verfügung stehen. Er selbst soll durch eigene Bildungsaktivitäten im Wettbewerb Standards schaffen, an denen sich alle Bildungseinrichtungen orientieren können. Außerdem garantiert er jedem jungen Menschen unabhängig von seiner sozialen Herkunft den Zugang zu den für ihn geeigneten Bildungseinrichtungen. Im Falle sozialer Härte wird nach adäquaten Förder- und Beratungsmöglichkeiten gesucht.
(87) Bildungsziele müssen im gesellschaftlichen Konsens gefunden werden. Es ist aber unnötig, dass der Staat die Bildungsinhalte vorgibt und einheitlich ausgestaltet. Eine freiheitliche
Gesellschaft braucht vielmehr ein pluralistisch organisiertes Bildungswesen, in der verschiedene Anbieter in einen Wettbewerb um die bildungswilligen Menschen treten. Wie in anderen Bereichen gesellschaftlichen Lebens wird auch hier der Wettbewerb für die notwendige Dynamik und die rechtzeitige Anpassung der Bildungsangebote an eine veränderte Welt und neue Rezeptionsgewohnheiten sorgen.
(88) In einer täglich komplizierter werdenden Welt ist Bildung ein Prozess, der mit der Geburt beginnt und nicht mit dem Erreichen des Erwachsenenalters endet. Jeder mündige Bürger hat die Pflicht, sich ein Leben lang zu bilden und weiterzubilden. Diese Angebote für eine lebenslange Bildung kommen aus Wirtschaft und Gesellschaft und ergänzend aus staatlichen Einrichtungen.
(89) Bildung und Erziehung sind mehr als intellektuelle Vermittlung von Inhalten, Methoden und Werten. Junge Menschen brauchen Vorbilder, die ihnen Orientierung für die eigene Entwicklung geben. In einer freiheitlichen Gesellschaft ist es selbstverständlich, dass Menschen, die sich durch besondere Leistungen auszeichnen, in der Gesellschaft intensiv wahrgenommen werden. Wir fürchten keine Vorbilder, sondern brauchen sie als Menschen, an denen sich andere Menschen orientieren können.
(90) Menschen mit geringer Bildung oder geringer Bildungsmotivation sind eine Herausforderung für jede freiheitliche Gesellschaft. Wir vertrauen darauf, dass ein lebendiger Wettbewerb auch zusätzliche Nachfrage nach Bildung schafft.
(91) Von den Wissenschaften erwarten wir, dass sie den gesellschaftlichen Bildungsprozess nicht nur mit neuen Inhalten, sondern auch mit neuen Methoden stimulieren. Neben der Erarbeitung und Verbreitung von Erkenntnissen haben Wissenschaftler auch eine Vorbildfunktion in der Bildungsgesellschaft.
Fundament 2: Eine freiheitliche Gesellschaft baut auf die freie Wissenschaft.
(92) Unsere Gesellschaft steht vor großen, noch ungelösten Herausforderungen. Der Klimawandel wird das Leben der Menschen verändern, die Energieversorgung der Zukunft muss nachhaltig und für alle erschwinglich gesichert werden, der demografische Wandel erfordert gesellschaftliche und wirtschaftliche Anpassungen.
(93) Die freiheitliche Gesellschaft braucht die Wissenschaft, um die Herausforderungen der Zukunft sowie die wachsende Komplexität von Umwelt und Gesellschaft intellektuell zu bewältigen. Wissenschaft ist eine Grundbedingung der Zivilisation, sowohl als Kulturleistung als auch als Grundlage gesellschaftlicher Wohlfahrt. Mit ihren Erkenntnissen wächst die technische, wirtschaftliche und politische Leistungsfähigkeit der Gesellschaft. Sie ist daher ein unverzichtbares Fundament jeder freiheitlichen Gesellschaft.
(94) Wissenschaft braucht Freiheit. Der wissenschaftliche Erkenntnisgewinn kann nur gelingen, wenn sie sich in Freiheit und ohne staatliche Bevormundung entfalten kann. Deshalb liegt die Freiheit der Wissenschaft nicht nur im Interesse der handelnden Wissenschaftler, sondern dient der Gesellschaft als ganzer. Liberale schließen jede Art von Erkenntnis- oder Kommunikationsverboten aus. Allerdings ist die Würde des Menschen auch für die Wissenschaft unantastbar, die erreichten hohen ethischen Standards sind zu wahren. Deshalb muß sich Wissenschaft der Kritik im gesellschaftlichen Diskurs stellen.
(95) Wissenschaft ist eine gesellschaftliche Aufgabe. Wissenschaftliche Erkenntnis vollzieht sich keineswegs nur in staatlich geschaffenen Strukturen. Vielmehr verdanken wir den Stand der Wissenschaft zu einem bedeutenden Teil privaten Forschungseinrichtungen und den Forschungsabteilungen der Unternehmen. Die Aufgabe des Staates ist es, Orte und Ressourcen für jenen Teil der Wissenschaft zur Verfügung zu stellen, für den keine privaten Ressourcen vorhanden sind.
(96) Wissenschaft dient nicht nur dem Gewinnen neuer Erkenntnisse, es geht auch um die Weitergabe wissenschaftlicher Erkenntnisse und Methoden von Generation zu Generation. An den Hochschulen sind beide Aufgaben – Erkenntnisgewinn durch Forschung und Weitergabe der Erkenntnisse durch Lehre – in idealtypischer Form vereint. Der deutsche Südwesten zeichnet sich im nationalen Maßstab durch besonders leistungsfähige Hochschulen aus. Um auch im internationalen Maßstab als Wissenschaftsstandort bestehen zu können, bedarf es allerdings eines nachhaltigen Strukturwandels. Effizientere Strukturen und Prozesse verbessern die Motivation und erleichtern es den Hochschulen, ihre Position im internationalen Wettbewerb zu behaupten.
(97) Neben den Hochschulen kommt den außeruniversitären Forschungseinrichtungen für den wissenschaftlichen Fortschritt eine besondere Bedeutung zu. Es ist in den letzten fünfzig Jahren gelungen, Baden-Württemberg zu einem attraktiven Standort für diese außeruniversitären Einrichtungen zu entwickeln. Ihre Produktivität und Vielfalt tragen zur Attraktivität unseres Standortes bei und befruchten Wirtschaft und Gesellschaft mit vielfältigen Erkenntnissen.
(98) Auch im Bereich der Wissenschaft ist der Wettbewerb zwischen den Einrichtungen für die Sicherung der Qualität und die nachhaltige Entwicklung unverzichtbar. Wir wollen deshalb auch im Bereich der Wissenschaft pluralistische Strukturen. Dieser Wettbewerb kann auch dazu führen, dass einzelne Einrichtungen, deren Angebote den Qualitätswettbewerb nicht (mehr) bestehen, aus der Wissenschaftslandschaft ausscheiden müssen. Eine besondere Herausforderung für die nächsten Jahrzehnte liegt darin, den Wettbewerb zwischen wissenschaftlichen Einrichtungen so zu organisieren, dass die dort vorgehaltenen Ressourcen nicht durch falsche Anreize und einen unnötig hohen Transferaufwand übermäßig in Anspruch genommen werden. Wissenschaftlicher und technischer Fortschritt vollzieht sich durch Forschung und Entwicklung und nicht durch das bürokratisch korrekte Verfassen von mehr oder weniger erfolgreichen Förderanträgen und deren kollegiale Begutachtung.
(99) Für alle Wissenschaftszweige gilt, dass klare Positionen und ein öffentlicher Wettstreit der Ideen zu hoher Produktivität führen. Die Gesellschaft muss deshalb gewährleisten, dass die Kommunikation innerhalb der Wissenschaft und zwischen Wissenschaft und Gesellschaft lebendig bleibt und nicht aus materiellen oder rechtlichen Gründen zu einem Privileg weniger Insider verkommt.
(100) Um qualifizierte Wissenschaftler gewinnen zu können, braucht es neben angemessenen materiellen und gesellschaftlichen Rahmenbedingungen Vorbilder. Die Gesellschaft muss es zulassen und fördern, dass herausragende Wissenschaftler mit ihren Leistungen in Forschung und Lehre öffentlich glänzen können und ihre Leistungen öffentlich sichtbar und gewürdigt werden.
Fundament 3: Eine lebendige und vielfältige Kultur ist ein unverzichtbares Fundament der freiheitlichen Gesellschaft. Sie gibt Orientierung, bringt Menschen zusammen und erzeugt den notwendigen Rahmen für den gesellschaftlichen Diskurs.
(101) Unsere Kultur ist das Ergebnis eines jahrhundertelangen gesellschaftlichen Prozesses und der Kreativität vieler Generationen. Sie gibt unserer Gesellschaft ihre Identität und vielen
gesellschaftlichen Aktivitäten ihren Sinn. Die Achtung vor den kulturellen Leistungen unserer Vorfahren verpflichtet uns zum sorgsamen Umgang mit den kulturellen Traditionen.
(102) Kultur schafft jenen Teil der gesellschaftlichen Wirklichkeit, der die Welt in einen Sinnzusammenhang stellt, und einen Rahmen, ohne den wir nicht gemeinsam kommunizieren und leben können. Sie ist keine Luxusveranstaltung für wenige Interessierte, sondern notwendige Grundlage allen gesellschaftlichen Lebens.
(103) Das wichtigste kulturelle Element einer Gesellschaft ist ihre gemeinsame Sprache. Sie zu pflegen und zu erhalten, ist unsere gemeinsame gesellschaftliche Aufgabe. Die Anforderungen einer modernen Gesellschaft sind nur zu bewältigen, wenn die Menschen auch komplexe Inhalte sprachlich fassen und vermitteln können. Alle kulturellen Einrichtungen tragen eine besondere Verantwortung für die Sprachpflege.
(104) In einer freiheitlichen Gesellschaft ist Kultur immer ein pluralistischer Prozess. Ihr Wert steigt mit der Vielfalt der Beiträge und der Zahl und der Leistungsfähigkeit der kulturschaffenden Menschen. Auf kontroverse Beiträge reagiert Kultur nicht mit Zurückweisung, sondern sie antwortet und integriert. Provokationen und Experimente sind keine Bedrohungen des kulturellen Prozesses, sondern notwendige Beiträge zur Weiterentwicklung einer lebendigen Kultur.
(105) In einer freiheitlichen Gesellschaft ist Kultur keine staatliche, sondern eine gesellschaftliche Aufgabe. Der Staat hat in diesem Bereich eine unterstützende Funktion: Er stellt (allerdings nicht exklusiv) Orte und Ressourcen für kulturelle Aktivitäten bereit und fördert, soweit erforderlich, die Hochkultur. Er ist nicht Gestalter, sondern Diener kultureller Aktivitäten. Die anmaßende Idee einer staatlich verordneten oder gestalteten „Leitkultur“ hat in einer freiheitlichen Gesellschaft keinen Platz.
(106) Aufgabe der Hochkultur ist es, durch ihr besonderes Niveau Standards zu schaffen, an denen sich alle Kulturschaffenden in der Gesellschaft orientieren können, aber nicht müssen. Sie ist keine in sich abgeschlossene Welt, sondern steht in der Verantwortung gegenüber der gesamten Gesellschaft, deren Kritik sie sich zu stellen hat.
(107) In einer freiheitlichen Gesellschaft bringt Kultur Menschen zusammen, indem sie gemeinsames Verständnis, gemeinsame Erlebnisse und gemeinsame Bezüge schafft. Sie darf niemals Mittel zur Ausgrenzung von Menschen sein. Unsere mitteleuropäische Kultur versteht es seit vielen Jahrhunderten, Beiträge aus anderen Kulturkreisen zu integrieren und damit zu einer weltweiten Verständigung beizutragen.
(108) Kultur braucht neben der Kreativität der Kulturschaffenden auch die Erkenntnisse der Geisteswissenschaften. Sie haben die Aufgabe, die kulturelle Wirklichkeit verständlich zu machen und durch neue Modelle und Ideen Räume für die Weiterentwicklung der Kultur und der Gesellschaft zu öffnen. Die Gesellschaft darf von ihren Geisteswissenschaftlern erwarten, dass sie nicht nur kritisch und zutreffend analysieren, sondern auch mutig neue Wege aufzeigen und klare Positionen im gesellschaftlichen Diskurs beziehen.